Tunesday im Planetarium Stuttgart

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Beim Tunesday im Planetarium Stuttgart geht es jeweils am ersten Dienstag des Monats auf Reisen in den elektronischen Dance-Orbit. Musikalisch sowie visuell eine einzigartige Erfahrung. In diesem Artikel gibt es tiefe Einblicke – ready for take-off?

Das Brain hinter dem Tunesday: Ubbo Grassmann

Der studierte Motion-Designer und Liebhaber der elektronischen Musik Ubbo Grassmann brachte die Idee des Tunedays bereits aus Hamburg mit.
In Hamburg studierte Ubbo Motion Design und schrieb seine Diplomarbeit im dortigen Planetarium. Schon dort bewies Ubbo seine Affinität zu ausgefallenen Formaten. Im Hamburger Planetarium setzte er ein interaktives Spiel um, welches mit Controllern der Spielekonsole Nintendo-Wii gesteuert wurde. Bereits damals hatte er die Idee des heutigen Tunesdays im Kopf. Allerdings war er dort nicht in der Position, um diese Idee tatsächlich umzusetzen.

Als Ubbo dann 2010 nach Stuttgart gezogen ist, arbeitete er zuerst einmal als Freelancer im Motion-Design Bereich. Mitte 2016 bekam er dann die Möglichkeit einer Festanstellung im Stuttgarter Planetarium. Bereits während des Vorstellungsgesprächs verkündete Ubbo die Idee, das Planetarium auch für ein Format mit elektronischer Musik zu öffnen. Heute ist er stellvertretender Direktor.

Eine Affinität dazu, elektronische Musik mit visuellen Effekten zu unterstützen, bewies Ubbo bereits zuvor. So war er als VJ im Einsatz und gestaltete beispielsweise Visualisierungen für das Musiker-Duo „Kollektiv Turmstraße“.

Die Grundidee kam Ubbo auf einer Musikveranstaltung, wo er bemerken musste, dass die Partygäste die Musik dort nicht genießen konnten. Wir alle kennen das… Auf Partyveranstaltungen ist ein wirklicher Musikgenuss aus verschiedensten Gründen oft nicht gegeben. Es besteht auf jeden Fall immer großes Ablenkungspotenzial.
Warum also schöne elektronische Musik nicht als Konzert darbieten? Ein Konzert, bei dem man sich als Gast komplett hingeben kann und ohne störende Einflüsse genießen kann? Genau das bietet der Tunesday! Die Musik steht im Vordergrund und Ubbo unterstützt das Auge mit visuellen Einflüssen. Dazu dient die Kuppel des Saals als große und tiefgängige Leinwand.

Ubbo Grassmann in seiner Schaltzentrale

Die visuelle Reise durch den elektronischen Dance-Orbit

Während der Konzerte werden die Visualisierungen Live von Ubbo gesteuert. Mit einem X-Box-Controller manövriert er dabei souverän durch Raum und Zeit, um die Besucher zum Ende hin wieder sanft im Stuttgarter Kessel zu landen. Im Prinzip funktioniert wird das so auch bei „normalen“ Astronomie-Shows im Planetarium.

Manche DJs haben genaue Vorstellungen, wie die Visualisierungen ausfallen sollen, andere Künstler wiederum überlassen Ubbo die komplette kreative Freiheit. Der Fundus des
Planetariums bietet dazu 3D-Objekte aus dem Weltraumbereich wie Raketen, Raumstationen, Planeten usw. sowie auch andere geometrische Figuren und vieles Weitere an. Aus dieser Auswahl bedient sich Ubbo lässt diese in die Shows einfließen.
Bei besonderen Wünschen der Künstler ist Ubbo auch in der Lage, genügend Zeit vorausgesetzt, spezielle 3D-Objekte für die Show zu kreieren. Für Konstantin Sibold wurde auf Anfrage beispielsweise eine digitale, dreidimensionale Höhlenwelt erschaffen. Hier ist Ubbo demnach sehr flexibel und gibt sich enorme Mühe, die geladenen Künstler auch perfekt in Szene zu setzen.

Weitere visuelle Features, welche zum Einsatz kommen, sind Laser, Lichtspots, Nebel und natürlich nicht zu vergessen: der Sternenprojektor

Der Sternenprojektor (Universarium) im Kuppelsaal

Lineup

Betrachtet man die bisherigen Bookings, bemerkt man schnell, dass es sich zumeist um hoch qualifizierte Stuttgarter DJs handelt. Bei der Auswahl legt Ubbo allerdings keinen Fokus auf große Namen oder die Bekanntheit der Künstler. Der Fokus liegt viel mehr auf DJs aus dem Großraum Stuttgart. Es geht ihm hierbei auch um die Förderung der lokalen elektronischen Musikszene.

Niklas Ibach machte bei Tunesday Ausgabe 1 den Anfang. Dabei merkte Ubbo an: „Er konnte sich unter dem Format eigentlich noch gar nicht so richtig vorstellen, um was es eigentlich genau geht. Dennoch war Ibach neugierig genug, diesen Auftritt zu wagen. Das rechne ich Niklas Ibach auch bis heute immer noch hoch an.“

Förderung durch das Kulturamt der Stadt Stuttgart

Dadurch, dass das Planetarium zum Kulturamt der Stadt Stuttgart gehört, werden die Programme subventioniert. Und auch Ubbo hat eine Meinung dazu: „Persönlich habe ich das Gefühl, dass Kultur generell viel kostet. Dennoch möchte ich das Angebot für jede*n zugänglich machen. Ein Besuch soll nicht an den Kosten scheitern.“
Somit bezahlen Gäste jeweils nur 5€ für ein Ticket. Das sind wirklich humane Kosten für eine Veranstaltungsreihe, hinter welcher viel Aufwand steckt.
Bis auf eine Veranstaltung waren bisher alle Tunesdays ausverkauft. Karten müssen also auf jeden Fall reserviert werden. Infos dazu findet ihr am Ende des Artikels.

Die Entwicklung des Tunesdays

Durch das angehäufte VJ-Material kann Ubbo mittlerweile auf ein viel größeres Kontingent zurückgreifen, dadurch werden die Shows immer spannender und unvorhersehbarer.
Auf verändernde Geschwindigkeiten und Stimmungen kann Ubbo besser eingehen. Auch in Sachen Storytelling und Aufbau eines Spannungsbogens konnte der Motion-Designer mit der Zeit Vieles dazu lernen. So wird es also auch für Stammgäste nicht langweilig.
Appropos Stammgäste – hierzu zählt sich mittlerweile nämlich auch ein älteres Ehepaar, welches sich bei ihrem ersten Tunesday-Besuch unwissentlich in ein Konzert der elektronischen Musik begeben hat. Durch diese Erfahrung kamen sie zum ersten Mal mit dieser Art von Musik in Kontakt und sind seitdem begeistert vom Konzept sowie auch von der Musik selbst.

Im musikalischen Bereich hat sich stattdessen nicht viel verändert. Das ist allerdings gar nicht negativ gemeint. Ubbo behält seine Weitsicht im musikalischen Rahmen und bietet noch immer eine große Vielfalt auf. Von Ambient-Acts bis zu Techno-Künstlern der etwas härteren Art finden alle einen Platz in seiner Musikauswahl.

Auf einen Lieblings-Tunesday-Act möchte sich Ubbo nicht festlegen: „Das wäre, wie einen Vater nach seinem Lieblingskind zu fragen.“ Doch dafür, dass Niklas Ibach den Anfang gemacht hat, ist Ubbo immer noch sehr dankbar. Auch über den Besuch von „Konsti“, wie Ubbo den weltweit bekannten Stuttgarter DJ und Producer Konstantin Sibold liebevoll nennt, ist er sehr stolz. „Mit einem Öffentlichen-Dienst-Tarif wäre es eigentlich nicht möglich, einen solchen Künstler zu buchen.“ – So Ubbo.

Musikalisch gab es bisher noch keinen Fehlgriff. Da war bisher alles auf höchstem Niveau. Das merkt man übrigens auch, wenn man sich einmal durch die Soundcloud mixe hört, welche im Nachhinein zu jedem Tunesday auf Soundcloud hochgeladen werden:

Das Planetarium Stuttgart gilt mit diesem Programm deutschlandweit als Vorreiter. Mittlerweile haben ein paar wenige Planetarien deutscher Städte dieses Konzept so oder so ähnlich übernommen. Darauf ist Ubbo zu Recht auch sehr stolz.

Technische Einblicke

Im Rahmen einer einjährigen Umbauphase wurde im Planetarium unter anderem ein neues Soundsystem installiert – zu unserer Freude wurde insbesondere auf den Bassbereich geachtet: „Wir wollten, dass der Bass so richtig in die Magengrube geht“ erzählt Ubbo. Eigentlich ging es zuerst einmal darum, Raketenstarts imposant darzustellen. Doch auch für die basslastige elektronische Musik bei den Tunesday-Veranstaltungen ist das 25.000 Watt-Audiosystem dadurch exzellent geeignet.

Mit 80 Lautsprechern für Höhen und Mitten sowie vier Subwoofern im Saal sollte das wohl die am größten dimensionierte Anlage Stuttgarts sein. Um noch einen oben drauf zu packen: vor Kurzem kamen noch zwei Infraschall-Subwoofer dazu. Diese können Schallwellen abgeben, welche vom Menschen zwar nicht gehört werden, dafür aber umso stärker „drücken“ können. Im Planetarium kann man sich also mal so richtig durchschütteln lassen!

Wer sich noch genauer über die Technik des Planetariums informieren möchte, kann dies hier gerne tun:

Applaus, Applaus!

Ein großer Dank geht an Ubbo Grassmann für die Umsetzung dieses großartigen Kulturformats! Schön zu wissen ist auch, dass die Stadt Stuttgart einen Anteil daran trägt.

Gäste jeden Alters bekommen hier eine günstige Möglichkeit, tolle Künstler – insbesondere aus dem Stuttgarter Raum zu erleben.
Nochmals zu erwähnen ist, dass die bisher gastierten Musiker*innen einen richtig guten Job gemacht haben!

Zum Programm und Reservierung bitte vor dem Mond scharf rechts abbiegen:

Die nächsten Tunesday-Dates:

Di, 7.7.2020 (Tunesday #45): Schramm
Di, 21.7.2020 (Tunesday #46): Sinus
Di, 4.8.2020 (Tunesday #47): Axel Meyer
Di, 1.9.2020 (Tunesday #48): Leo Beltramo
Di, 6.10.2020 (Tunesday #49): Phillip Werner
Di, 3.11.2020 (Tunesday #50): Cajetano
Di, 1.12.2020 (Tunesday #51): Blak & Créer

Chris

Online-Redakteur, Webmaster

Szene-Aktivist. Geprägt von vielen positiven Partyerlebnissen, sowie reichlich guter Musik, geht es nun darum, der Szene etwas zurück zu geben.